RELIEFINTARSIEN AUS EGER
DAS FREIBERGER KABINETT
ZURÜCK

Kabinett mit bemalten Reliefintarsien

Wir restaurierten das Kabinett 1997/98
Meister mit dem ornamentierten Hintergrund
Eger um 1660/70
Maße: H 175,5 x B 96 x T 47 cm (incl. Fußgestell)
Birnbaumholz ebonisiert, Nadelholz
Reliefintarsien aus verschiedenen Hölzern,
bemalt und gebeizt
Freiberg, Stadt- und Bergbaumuseum.
Inv.Nr.: 90/57

Das Möbel setzt sich aus einem Untergestell mit spiraligen Säulen und dem lose aufgestellten Kabinettschrein zusammen. Die Säulenbeine sind am oberen Ende in die  Tischkastenzarge eingezapft und werden im unteren Bereich durch einen Kreuzsteg mit zentral aufgesetztem, gedrechseltem Pokal verbunden. Bekrönt wird der Schrein von einem Quartett Schubladen und einer hochrechteckigen Nische, die von geschweift ausgebildeten „Schleierbrettern“ flankiert und mit einer kleinen Tür verschlossen ist. Zwei Löcher auf der Deckfläche dieser Nische signalisieren, daß hier ursprünglich eine Bekrönung aufgesteckt war.

Um das mit einer Tür verschlossene Mittelgelaß des Freiberger Möbels gruppieren sich zwölf Schubladenfronten. Im Inneren des Gelaßes sind zwölf raffiniert versteckte Geheimschubladen untergebracht.

Geschmückt sind die Außenseiten der Türflügel mit turbulenten Wirtshausszenen. Die Bilder kehren auf den Innenflächen der Türen des Egerer Prunkschrankes im Museum für Kunsthandwerk Frankfurt am Main wieder, der auch in vielen anderen Details auffallende Parallelen aufweist. Zechende und raufende Männer in Begleitung leichtlebiger Frauen erinnern an die Parabel vom verlorenen Sohn. Sie lassen sich als Vanitasallegorien deuten und kommen an den Möbeln des Meisters mit dem ornamentierten Hintergrund häufig vor. Auch die Szene der Freiberger Mittelgelaßtür gehört diesem Themenkreis an.(1)

Die Türintarsien nehmen eine Schlüsselposition bei der Datierung des Möbels ein, denn die modische Kleidung der Figuren gehört bereits in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Einer der Zecher trägt einen Schlapphut mit überdimensionalem Federschmuck. Die Männer tragen Perücken, denen wir zwar schon in der ersten Jahrhunderthälfte begegnen, die aber erst durch die Hofhaltung Ludwig XIV. zum Standart in Europa wurden. Französischen Geschmack spiegelt auch die sogenannte Rheingrafentracht wieder, in der viele Figuren auftreten. Bienert war bereits auf die Diskrepanz zwischen der geschilderten Kleidermode und dem von Kreisel für das Frankfurter Kabinett postulierten Entstehungszeitraum „zweites Viertel des 17. Jahrhunderts“ aufmerksam geworden.(2)

Bei Öffnung der Türflügel des Schrankes entfaltet sich ein reiches mythologisches Bildprogramm. Das linke Türrelief schildert die über das Meer brausende Fortuna auf einer Muschel, das rechte Bild erzählt die Liebesgeschichte von Neptun und Amphitrite. Die Werkstatt des Meisters mit dem ornamentierten Hintergrund griff bei beiden Türflügelbildern auf bereits genutzte Vorlagen zurück, denn an einem älteren, Poseidonkabinett genannten Möbel im Egerlandmuseum Marktredwitz wurden solche Reliefintarsien schon einmal an gleicher Stelle platziert. Auch die Reliefs an den Seitenwänden des Freiberger Schrankes wiederholen die des Vorgängers. Linkes und rechtes Bild gehören thematisch zusammen, ja sie werden überhaupt erst durch ihren Pendantcharakter erklärbar: Dargestellt ist Pomona (rechts), Behüterin der fruchttragenden Bäume und blühenden Gärten und Vertumnus, der die Begehrenswerte in ständig wandelnder Gestalt letztlich überlisten und für sich gewinnen konnte. Das Paar erscheint als eine Allegorie der Liebe und der Fruchtbarkeit.

Die zwölf Reliefintarsien der Schubkästen liegen qualitativ unter denen der Türen und Seitenwände. Sie zeigen Gestalten der antiken Mythologie: Mercur, Minerva, Amor, den schlafenden Kriegsgott Mars, Phoebus, Hercules, Venus, Juno, Bacchus, Vulcanus, Arithmetika und Ceres. Minerva tritt als Beschützerin der Künste auf.

 Im Inneren des Mittelgelaßes findet das Bildprogramm seine Fortsetzung. Auf der Tür ist Fortuna mit dem Füllhorn dargestellt. Im übertragenen Sinne hat man das Glück in der Mittelnische des Kabinettschranks eingefangen. Bei den übrigen vier Reliefintarsien handelt es sich um Berufsdarstellungen im zeitgenössischen Kolorit. In unterhaltsamer Weise werden die Tätigkeiten des Landmannes, des Pastetenbäckers, des Falkners und des Fischers vorgeführt. Solche Berufsschilderungen waren vor allem in der niederländischen Ikonographie gern benutzte Metapher zur Symbolisierung der vier Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser.(3) Die Stichsequenz eines anonymen Meisters nach Hendrick Goltzius weist in drei Blättern (4) große Ähnlichkeit mit den Freiberger Bildern auf. Das Element Erde muß allerdings einer anderen Graphikserie entstammen, denn an Stelle des Landmannes stellt der unbekannte Stecher einen Jäger dar. Als Vorlage dürfte ein 1597 geschaffenes Blatt von Claes Jansz Clock aus dessen Folge zu den vier Elementen gedient haben.(5)

Der Freiberger Kabinettaufsatz mit den wappenhaltenden Genien trägt drei Reliefintarsiaplatten, von denen die links und rechts angebrachten Bilder thematisch zusammengehören. Dargestellt sind Fides (links) und Spes (rechts) nach graphischen Blättern einer Folge Jacques II. de Gheyns.(6) Auf der mittleren, dem  Gesamtprogramm übergeordneten, Bildtafel ist ein blumenhaltenden Kavalier in modischer Rheingrafentracht zu sehen.

Die vier kleinen zwischen Kabinett und Aufsatz platzierten Kästchen sind mit Reliefintarsien geschmückt, deren Qualität unter denen der übrigen liegt. Noch einmal werden die vier Elemente präsentiert, jetzt jedoch in Form attributierter Putten.(7)
Die beiden Schmalseiten des Sockels am Freiberger Schrank sind mit Putten, Fischen und Fabelwesen geschmückt, die sich im Wasser tummeln.

Leider hat man die Bemalung der Reliefintarsien des Freiberger Kabinetts bei einer Renovierung „aufgefrischt“, wodurch sie heute relativ grell aus der übrigen gealterten Substanz heraussticht. Es kann wohl auch nicht bei allen Partien davon ausgegangen werden, daß die Neubemalung immer der ursprünglichen Farbigkeit folgt. Im Inneren der Mittelnische hat sich dagegen das originale Kolorit bestens erhalten.

ANMERKUNGEN
(1)  Eine nur geringfügig variierte Reliefintarsienplatte findet sich am ebenfalls zu dieser Möbelgruppe gehörigen Kabinettschrank im dänischen Schloß Frederiksborg an gleicher Position. Eine ähnliche Wirtshausszene findet sich auf der Mittelnischentür des Egerer Kabinetts im Museum für Kunsthandwerk Frankfurt am Main.
(2)  Ellen Bienert: Der Egerer Kabinattschrank im Museum für Kunsthandwerk Frankfurt am Main. Seine Reliefintarsien und ihre Vorlagen. Hausarbeit für die Magisterprüfung im Fach Kunstgeschichte bei Prof. Dr. Wolfram Prinz, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main 1984 (Maschinenmanuskript)
(3)  Vgl. Die Sprache der Bilder. Realität und Bedeutung in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Ausstellungskatalog Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Braunschweig 1978.
(4)   The Illustradet Bartsch. Reproductions of the autonomuous prints, as well as the majority of book illustrations, produces in Europe before 1800, general editor Walter L. Strauss, Band 3, New York 1980, S. 305-S. 307, Nr. 23-25.
(5)   Wie Anm. 3, S. 56. Hier sind alle Blätter der Clockschen Sequenz beschrieben und abgebildet.
(6)   F. W. H. Hollstein: Dutch and flemish etchings, engravings and woodcuts ca 1450-1700, Amsterdam, Band VII, Nr. 40-46.
(7)  Man findet dieses Quartett am Poseidonkabinett in Marktredwitz wieder, auch dort an den Kästchen des Aufsatzes.

LITERATUR
Jochen Voigt: Für die Kunstkammern Europas - Reliefintarsien aus Eger, Halle 1999, S. 279-280.

ALL COPYRIGHTS
Jochen Voigt (Text) und May Voigt (Fotos) 1998